"Der Kaspar, der war kerngesund, ein dicker Bub und kugelrund." So schön fing es mit dem lieben Kaspar an, aber dann mochte er seine Suppe nicht, und wir wissen alle, wie tragisch sein Fall endete. Es ging ruckzuck. "Er war vielleicht ein halbes Lot - und war am fünften Tage tot."
Die Geschichte vom Suppenkaspar ist über hundert Jahre alt, aber es gibt mehr heikle Kinder denn je. Nur dass ihre Entwicklung heute diametral gegensätzlich verläuft. Sie sind schlank und gesund - und werden dick, oft auch krank - und was vielleicht noch schlimmer ist, sie werden zu Außenseitern und bekommen seelische Probleme. Denn im Gegensatz zu früher hat das heikle Kind heute eine große Auswahl an Ersatzlebensmitteln. Fruchtjoghurts, Puddings, Pommes, Würstchen - und alles schmeckt besser, als die legendäre und verachtete Suppe. Laut dem Forschungsinstitut für gesunde Kinderernährung in Dortmund sind heute 10-20 Prozent aller deutschen Schulkinder übergewichtig. Gleichzeitig leiden - so das Institut - aber auch viele Kinder an Eisen- und Vitaminmangel, Bluthochdruck und erhöhtem Cholesterinspiegel. Einseitige Ernährung, die aufgrund der Heikelkeit der Kinder entsteht, kann als Ursache angesehen werden.
Wie viele Kinder heute heikel sind, zeigt eine dänische Untersuchung. Demnach muss heute jedes dritte Kind im ersten Schuljahr als "heikel" definiert werden. Dabei wurde der Begriff "heikel" bei der Untersuchung genau festgelegt: Wenn ein Kind nur wenige Lebensmittel akzeptiert, die Liste mit den ungeliebten Lebensmitteln jedoch sehr lang ist, dann ist es heikel. Wenn es dagegen nur einige, wenige Sachen nicht mag, dann ist der Begriff nicht anzuwenden. Das Essverhalten gilt dann als normal, denn jeder Mensch mag ein, zwei oder auch drei Sachen einfach nicht.
Die dänische Kinderärztin Dr. Vibeke Manniche hat sich für den Informationsdienst des dänischen Gesundheitswesens mit dem Problem der heiklen Kinder beschäftigt. Für sie steht fest: Heikelkeit entsteht nicht erst, wenn das Kind sechs oder sieben Jahre alt ist. Heikelkeit entsteht schon wesentlich früher. Im Grunde genau zu dem Zeitpunkt, an dem es an das Essen der Erwachsenen gewöhnt werden soll - also im Alter von ca. zwölf Monaten. Wenn die Eltern im zweiten Lebensjahr des Kindes also nicht gezielt vorbeugen und handeln, ist der Weg zum "Suppenkasper" nicht mehr weit.
Eine nicht unbedeutende Rolle spielt laut Dr. Vibeke Manniche der Sauberkeitsfimmel vieler Mütter und auch Väter. Viele Eltern vergessen, dass Kinder essen auch erst rein mechanisch lernen müssen. Sie müssen sich nicht nur an den Geschmack gewöhnen, sondern sie müssen lernen, den Löffel zu halten und ihn zum Mund zu führen. Sie müssen lernen, dass man nicht mit der Hand in den Teller greift und sich die Milch oder den Saft nicht über den Kopf sondern in den Mund kippt. Weil dabei "Schweinerei" entsteht, reagieren Eltern oft ungeduldig und füttern das Kind. Wenn es dann trotzdem mal selbständig essen darf, dann macht es eine "Schweinerei", denn es hat ja nie richtig üben dürfen - die Eltern schimpfen, das Kind wird nervös, die ganze Situation bei Tisch wird zum Nervenkrieg. Es entsteht ein Teufelskreis, und das Kind entwickelt kein normales Verhältnis zum Essen.
Dr. Vibeke Manniche hat für den Informationsdienst des dänischen Gesundheitswesens (www.sundhed.dk) eine Reihe von Tipps zusammengestellt, damit aus einem gesunden, normalen Baby kein heikles Kind wird:
- Sorg dafür, dass das Essen gesund und abwechslungsreich ist.
- Sorg dafür, dass mindestens einmal am Tag die ganze Familie gemeinsam bei Tisch versammelt ist.
- Sorg für eine ruhige und freundliche Stimmung. Essen sollte nicht mit schlechter Laune und Stress verbunden sein.
- Sorg dafür, dass Ihr Zeit habt. Kinder essen nicht so schnell, wie Erwachsene.
- Lass das Kind selber essen, auch wenn dabei eine "Schweinerei" entsteht.
- Sorg dafür, dass man miteinander reden kann. Mach den Fernseher und das Radio aus.
- Gib dem Kind nie etwas anderes, als das, was auf dem Tisch steht.
- Zwing das Kind nicht dazu, etwas zu essen. Sei nicht überinteressiert. Mach keine Sachen, wie z.B. "ein Löffel für Mama, einer für Papa ..." oder "hier kommt das Flugzeug ....". Lass das Kind einfach in Ruhe essen.
- Drohe niemals ("Wenn du nichts isst, wirst du krank!") und mach auch keine Versprechungen ("Wenn Du das isst, bekommst Du eine Nachspeise!")
- Vermeide, dass sich das Kind vor dem Essen in Milch oder Saft "satt trinkt".
- Gib dem Kind kleine Portionen in den Teller und vermantsche sie nicht. Das Kind soll sehen können, was es isst.
- Sprich normal mit dem Kind - sprich nicht über das Kind sondern mit ihm.
Was aber tun, wenn es schon zu spät ist und das Kind bereits gelernt hat, dass es eigentlich keine Gemüse zu essen braucht, weil es sich in Puddings auch satt essen kann? Wahrscheinlich ist es nie zu spät, sich die Tipps der dänischen Kinderärztin zu Herzen zu nehmen und in der Familie neue Essgewohnheiten einzuführen. Einfach ist das nicht, aber in Deutschland können Eltern in dieser schwierigen Situation leicht Rat suchen. Die Verbraucherzentralen der Länder bieten Infomaterial und Bücher an, teilweise sogar PC-Spiele, mit denen ältere Kids und deren Eltern die gesunde Ernäherung spielerisch lernen können. Fast alle Verbraucherzentralen der Länder planen außerdem in diesen Wochen eine Ausstellung zum diesem Thema. Die Ausstellung mit dem Titel "Von Milchriegeln, Obstzwergen und Lachbonbons" ist ebenfalls mit interaktiven Elementen aufgebaut und soll Kindern und Begleitpersonen Spaß machen. Wann die Ausstellung in welchem Bundesland zu sehen ist, erfährt man auf der Web-Site der Verbraucherzentralen www.verbraucherzentrale.com.
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