Vom Krautkopf zu Goethe
Am ersten Sonntag im Oktober bringen die Bauern zum Dank die Früchte ihrer Jahresarbeit in die Kirche. Schön aufgebaut und herausgeputzt bekommen sie ein buntes und glänzendes Aussehen; und ein unvermittelt dazukommender Besucher erkennt die Gurken, Kartoffeln, Kürbisse, Äpfel, Zwiebel, Birnen und Ährenkronen gar nicht als einfache Feld- und Gartenfrüchte, nein, er empfindet sie gleich den dickwadeligen und pausbäckigen Putten zur barocken Kirchenausstattung gehörig.
Etwas unserer Zeit entrückt, aber gerade deshalb so eindrucksvoll, schreibt der junge Werther in Goethes berühmtem Roman an seinen Freund Wilhelm: " Wie wohl ist mir's, dass mein Herz die simple, harmlose Wonne des Menschen fühlen kann, der ein Krauthaupt auf seinen Tisch bringt, das er selbst gezogen, und nun nicht den Kohl allein, sondern all die guten Tage, den schönen Morgen, da er ihn pflanzte, die lieblichen Abende, da er ihn begoss und er an dem fortschreitenden Wachstum seine Freude hatte, alle in einem Augenblicke wieder mitgenießt." Nicht vorstellbar, hätte der Kohlweißling seinen Lieblingskopf angeknabbert!
Drückt sich Werther auch sehr theatralisch aus, hat er doch unserer Zeit einiges voraus: er hat beim Anblick des Krautkopfes die ganze Entwicklung, alle schönen Empfindungen in diesem einen Augenblick parat. Er sieht den Krautkopf nicht nur als Zweck für die bevorstehende Nährung, in deren Erwartung ihm schon der Magensaft zusammenläuft, ihm wird vielmehr freudig mittels Kohlkopf ein Teil seines Lebens bewusst gemacht. Diesen hat er zum Fressen gern. Gesetzt nun der Fall, Werther hätte das sogleich folgende Rezept, in dem ein warmer Krautsalat entsteht, zur Verfügung gehabt: er hätte seine Gedanken fortführen können zu zwangsläufig besseren, würde Lottchen glattweg damit verdrängt und so keinen Grund für sein eigenhändiges Scheiden aus dieser Welt gehabt haben. (Zitat Ende) Dieses Zitat stammt aus dem Kloster-Andechs Kochbuch "Kochen für Leib & Seele" von Pater Anselm Bilgri. Dieses Buch ist mit soviel Wärme, feinem Humor und dabei wunderbaren Rezepten für alle Lebenslagen geschrieben, dass es wirklich für alle Festtage in der Familie und alle Feiertage etwas bereit hält.
Hier nun noch der oben erwähnte "Warme Krautsalat zum Erntedankfest"
Reinige das "Kohlhaupt" und entferne mit einem spitzen scharfen Messer den Strunk und die dicken Blattrippen um den Strunk herum. Schneide das Kraut sehr fein oder hoble es. Gib es in eine große Schüssel und brühe es mit stark sprudelndem Wasser. Lass es in einem Seiher abtropfen. Lass die ebenso fein geschnittene Zwiebel mit dem Butterstückchen gelb werden und röste recht gut das würfelig geschnittene Geräucherte. Dazu gibst du die Brühe und den Essig und kochst es auf. Gieße es über das Kraut, pfeffere nach Belieben, mische den Salat gut durch, und schmecke mit Salz ab.
Gib ihn warm zur Tafel.
Sollten Sie Lust bekommen haben auf das vollständige Menü, das in diesem Buch für das Erntefest vorgeschlagen steht, dann schreiben Sie mir sk@chefkoch.de oder fragen Sie in unsern Foren danach!

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