Nach altem Brauch begann Ende Juli, meist um Jakobi (25. Juli), die Erntezeit. Schon im Frühjahr oder im zeitigen Frühsommer hatte der Bauer die oft von auswärts kommenden Schnitter bestellt. Bevor Maschinen die Arbeit erleichterten, wurden gerade zur Ernte viele Hände gebraucht, um das Getreide rechtzeitig einzubringen. Der erste Erntetag begann in vielen Gemeinden mit einer Erntebetstunde in der Kirche, zu der die Erntehelfer, geschmückt mit einem Sträußchen an Hut oder Mieder, auch ihre Arbeitsgeräte mitbrachten. Dort, wo dies nicht üblich war, trat der Bauer als erster aufs Feld, sprach ein Vaterunser oder" Das walte Gott" und ließ seine Arbeiter "in Gottes Namen" beginnen. Die Sitte, die ersten drei Ähren - ausgerupft oder abgeschnitten - zu Hause ans Kreuz zu stecken oder zu Mariä Himmelfahrt in den Weihbüschel zu binden, war weit verbreitet.
Die letzten Ähren hängen, zu einem Feierabendbüschele gewunden, das ganze Jahr hindurch im Haus. Mehr noch als die ersten Ähren wurden die letzten drei, sieben oder neun Ährenhalme beachtet. Hübsch zusammengebunden wurden sie als" Glückshämpfele", "Erntebüschele" oder "Feierabendbüschele" das ganze Jahr über sichtbar im Haus verwahrt. Im Frühjahr kamen die Körner dann zur neuen Aussaat.
Die letzte Garbe der Ernte wollten da und dort alle Erntehelfer gemeinsam binden und aufladen - in Erinnerung an die uralte Vorstellung, dass so der Korndämon gebannt werden konnte. Das letzte Feld mähten die Schnitter nicht überall ganz ab, sondern ließen eine kleine Ecke stehen, als Dank und damit im nächsten Jahr wieder etwas wachsen solle. Auf manchen Feldern wurde auch ein auf einen Pfahl gebundener Blumenstrauß zu einem Büschel schöner Ähren gesteckt.
Dem ersten und dem letzten Erntewagen kamen besondere Achtung zu. In manchen Orten war es der erste, in den meisten jedoch der letzte Wagen, der geschmückt durch das Dorf in den Hof einfuhr. Mit Girlanden, Blumen und Kränzen oder mit einem aufgesteckten "Maien" putzten ihn Schnitter und Schnitterinnen aus und gingen, ihre Geräte geschultert, singend neben ihm her nach Haus. Den Maien nagelten sie später an das Scheunentor oder hängten ihn zum obersten Scheunenladen hinaus.


