Der "Segen Norddeutschlands" schwimmt den Menschen seit Jahrhunderten praktisch direkt auf den Teller.
Jedes Jahr von April bis Mai suchen die mitunter kilometerlangen Heringsschwärme die seichten Küstengewässer auf, um zu laichen. Den Fisch zu angeln ist nicht schwer, man braucht den Angelhaken im Wasser nur auf und ab zu bewegen. Das ist das sogenannte "Heringshauen". Da der Hering ein Planktonfresser ist, ist kein Köder nötig; die Fische schnappen nach dem sich bewegenden Haken und werden dann aus dem Wasser gezogen. Auf diese Weise lässt sich natürlich nur der Eigenbedarf decken. Richtige Fischer benutzen zum Heringsfang sogenannte Hamen. Das sind Zäune, die im flachen Wasser aufgestellt werden und in denen sich die Fische verfangen. Weiter draußen auf dem Meer werden Netze benutzt.
Im 16. und 18. Jahrhundert soll es Jahre gegeben haben, in denen die Heringe in so großer Zahl in die Schlei bei Schleswig oder die Elbe bei Hamburg vorgedrungen sind, dass die Menschen sie aus dem Wasser schaufeln konnten. Auch im 19. Jahrhundert noch war die Beute zum Beispiel in Greifswald oder in Glückstadt so groß, dass sie nicht vollständig verkauft, sondern als Dünger auf die Felder geworfen wurde.
Es gab allerdings auch Jahre, in denen der Heringssegen ausblieb. 1313 sprach man in Preußen von einer "Strafe Gottes", weil die Heringe sich rar machten. Und 1588 glaubten die Küstenbewohner sogar, die Schwärme fänden den Weg nicht mehr, weil sie im Vorjahr einen besonders großen Hering gefangen hatten, den "Königshering", der die Züge anführte.
"Die Häringe sind unter allem am wohlfeilsten", heißt es in einer Rostocker Aufzeichnung aus dem Jahr 1807, "sie werden von dem gemeinen Mann sehr häufig im Frühjahr gegessen, zum Teil auch gedörrt und so ausgeführt, aber nicht eingesalzen."
Warum der Fisch in Rostock nicht gesalzen wurde, ist nicht bekannt. In allen anderen Gegenden wurde er traditionell eingesalzen, um ihn haltbar zu machen. Die Salzhändler der Hanse machten gute Geschäfte, weil enorme Mengen ihres wertvollen Produkts über die Jahrhunderte hinweg für diese Zwecke verwendet wurden, denn nur als Salzhering konnte der nahrhafte Fisch ins Binnenland verkauft werden oder gelangte als Proviant an Bord der Schiffe. Nicht nur die Hansestädte Rostock und Greifswald verdankten lange Zeit ihren Reichtum dem Heringsfang, und es gab Zeiten, da galt der Hering sogar als Zahlungsmittel.
Hering ist übrigens nicht gleich Hering, es gibt verschiedene Rassen: Der Hochsee-Hering spielt wirtschaftlich die bedeutendste Rolle. Er kommt als Weißmeer-, Murma-, oder Norwegischer Hering in der Nordsee, dem nördlichen Eismeer und dem Atlantik vor, wird bis zu 36 Zentimeter lang und hat ausgewachsen bis zu 25 Prozent Fettgehalt. Der kleinere baltische Hering, auch Ostsee-Hering oder Strömling genannt, wird nur 25 Zentimeter lang und ist magerer.

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