Wein und Essen in Deutschland


Riesling & Trollinger


"Nur die wenigsten Deutschen wissen, dass viele der größten Weißweine der Welt in ihrem Heimatland wachsen." (Stuart Pigott)

WeinDer ebenso skurrile wie leidenschaftliche Weinkenner Stuart Pigott bringt es auf den Punkt. Deutschland gilt als Land der Biertrinker. Dabei hat der Weinbau in Deutschland eine mindestens ebenso lange Tradition wie das Bierbrauen.
Und "die deutsche Küche" die gibt es auch nicht, eben nur die regionale Küche, die schwäbische oder pfälzische, die von der Küste und die bayerische, um nur einige zu nennen.

Der Riesling
Wenn es denn eine deutsche Rebsorte gibt, eine, die man sofort mit deutschem Wein in Verbindung bringt, dann ist es der Riesling. Hier kann man den weingewordenen deutschen Idealtyp finden, elegant, die perfekte Balance zwischen Säure und Frucht, grüne, frischfruchtige Aromen, und wenig Alkohol. Ein Wein, den man morgens zum Frühschoppen oder einem Empfang genießen kann, und erfrischt und beschwingt weiter in den Tag geht und der zum einfachen Abendessen ebenso wie zum eleganten Diner passt.

Die Rieslingtraube zeigt genau diese Eigenschaft am besten da, wo ihr Reifeprozess langsam vonstatten geht, wo in kühlen Nächten, in denen Feuchtigkeit der nahen Flüsse Rhein, Mosel, Ahr aufsteigt und wo tagsüber an warmen Sommertagen die heißen Sonnenstrahlen die Weinberge, die Schieferterrassen, aufheizen.

Den besten Riesling genießt man in der Pfalz, an der Mosel, im Rheingau. In den klassischen Weingebieten, deren Fachwerkhäuser und ostentative Weinromantik so manchen von der näheren Bekanntschaft mit den Genüssen der Gegend abhält. Schade!
Zum Beispiel in der Pfalz: Ein Verdienst hat Helmut Kohl über allen politischen Parteilichkeiten; er hat gezeigt, dass ein Gourmet durchaus ein Gourmand sein kann und darf, und dass gutes und kräftiges Essen auch einen Staatsbesuch adeln kann. Er hat den Saumagen salonfähig gemacht, dieses alte Restessen aus Schweinefleisch, Wurstbrät, Kartoffeln, Wurzelgemüse und einer Gewürz- und Kräutermischung, das fast überall ein wenig anders ist und das als Familiengeheimnis von der Mutter an die Tochter vererbt wird. Majoran ist drin, muss rein und ein guter Pfälzer Riesling, vor allem von der Lage Saumagen in Kallstadt, muss einen ganz kleinen Hauch eben dieses Majoranaromas haben, um als Begleiter für den Saumagen perfekt zu sein, wie zum Beispiel die Kallstadter Saumagen Auslese trocken von Bernd Philippi (in Insiderkreisen oft scherzhaft "Kalte Sau" genannt).

Rezeptvorschlag: Saumagen Minfeld


SchlegelflascheEine ganz besondere Weinerfahrung sind die edelsüßen Rieslinge (oder auch andere Weißweine), die edelsüßen Auslesen, die Trockenbeerenauslesen und die Eisweine. Hier werden die Trauben so spät gelesen, dass das in ihnen enthaltene Wasser fast ganz verdunstet ist und nur noch die reine, konzentrierte Frucht zu Wein gekeltert wird. Beim Eiswein muss der Wein einen Frost von –7°C mitbekommen, bevor er geerntet werden darf.

Diese Weine werden leicht gekühlt als Aperitif- oder Dessertweine gereicht, oder zu einem klassischen Nachtisch, einer bayerischen Creme oder auch ausgebackenen Hefeküchlein mit Vanillesauce, ein Dessert (oder sagen wir mal lieber fein deutsch "ein Nachtisch"), den fast jede deutsche Region für sich reklamiert, mal mit und mal ohne Rosinen, mal in Streu- und mal in Puderzucker gewendet.

Rezeptvorschlag: Bayrische Creme

Wer einmal die geniale Riesling Beerenauslese Kiedricher Gräfenberg von Robert Weil zu einem einfachen Zitronentörtchen genossen hat, der war schon mal kurz im Weinhimmel.


Der Trollinger

Der Trollinger ist der milde und süffige Wein der schwäbischen und badischen Schoppentrinker und Viertelesschlotzer. Er wird niemals die höheren Weihen der internationalen Weinpäpste und modernen Connaisseurs erhalten, er wird auch niemals sehr weit außerhalb seiner württembergischen Heimat anzutreffen sein. Immerhin ist er in seiner Heimat so beliebt, dass man sogar einen Marathon zu seinen Ehren abhält. Ob er da wohl als legales Dopingmittel zugelassen ist? http://www.trollinger-marathon.de/

Der Trollinger ist der unkomplizierte Begleiter zu einer deftigen Vesper, mit Geräuchertem oder einer Tellersulz mit Bratkartoffeln, zu Kräuter- oder Kässpätzle, zu saueren Kutteln (das ist dann meistens ein Genuss für die Einheimischen), oder auch einem gescheiten Zwiebelrostbraten.
Und ganz eigentlich kommt der Trollinger aus Südtirol. Da heißt er Vernatsch und im Württembergischen wurde daraus der Tirolinger und später dann, so nach ein paar Viertele der Trollinger.

Rezeptvorschlag: Tellersulz 

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Artikel vom 09.11.2004
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