Adventskalender Weinforum, Türchen Nr. 17, 14.12.2010
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![]() Mitglied seit 21.08.2003 |
Lass ich also jemand anderen für mich zu Wort kommen, der sich mit diesem Thema etwas intensiver auseinander gesetzt hat. Das Wort hat somit unser heutiger defätistischer Gastredner Professor Dr. M.... Meine Damen und Herren, verehrte Zuhörer. Nach den humoristischen Vorträgen der letzten Jahre durch Herrn Jambala, unter anderem zu italienischer Folklore und Militäranekdoten, möchte ich in meinem heutigen Beitrag zur diesjährigen Vortragsreihe „Wein, Advent, Tradition“ das Thema „ Der Verfall des Kulturgutes Wein in der abendländischen frühwinterlichen Periode“ aufgreifen. Wein als eines unserer interessantesten, vielschichtigsten und wertvollsten Kulturgüter ist leider in den letzten Dekaden in der abendländischen frühwinterlichen Periode, allgemein als „Advent“ bekannt, zu einem belanglosen Randton einer reizüberladenen Shopping-Gesellschaft verkommen. Dies ist auch einhergehend mit einem generellen Verfall des Stellenwertes jener eigentlich der Vorbereitung auf das Christfest dienenden Zeit der Dunkelheit und des Lichts. War es bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch Usus, in der Adventszeit genau wie in der vorösterlichen Zeit eine gleichfalls vierzigtägige (und eigentlich auch rigidere) Fastenperiode einzulegen, um Körper und Geist zu reinigen und Ruhe zu schöpfen, hat sich diese Zeit der besinnlichen Annäherung an das Christfest in ein buntschillerndes Las Vegas des Kommerzes verwandelt. Auf „Nebenkriegsschauplätze“ wie die Bereitstellung von Weihnachtsgebäck durch den Einzelhandel bereits im August und den chronischen Appell an die Spendenbereitschaft möchte ich hier aber nicht eingehen. Mir geht es um das traurige Schicksal armer kleiner Weintrauben, die in bester Hoffnung ihr Leben ließen, um als Wein wiedergeboren zu werden. Nun kann natürlich nicht jede dieser Trauben zu einem Spitzengewächs eines renomierten Winzers werden. Aber, und dies möchte ich eindringlich betonen, werte Zuhörer, das Schicksal vieler solcher armer Trauben ist bemittleidenswert und eigentlich widerstrebt es mir das Wort in den Mund zu nehmen: GLÜHWEIN. Nun mag der ein oder andere sagen „ es gibt auch guten“... Die traurige Realität sieht aber so aus: Arme kleine Trauben-Seelen in ihrer flüssigen Form werden mit zu viel Zucker, Gewürzen und Orange gefoltert, und so lange bei sehr hoher Hitze geschmort, bis sie den Geist aufgeben und als verbitterte Plörre in den Töpfen diverser Weihnachtsmarktstände ihr letztes Bisschen Dasein fristen. Und als wäre dies nicht genug, müssen Sie, damit ihre Trauer nicht bemerkt wird, oftmals noch eine weitere Vergewaltigung mit solch anrüchigen Dingen wie Amaretto über sich ergehen lassen. Meine Damen und Herren, mir schaudert es bei diesem Gedanken und ich hoffe, es geht Ihnen ebenso. Eine weitere abscheuliche Form der Herabwürdigung von Wein sind eben jene Unsagbarkeiten, die in eben jener Zeit von Ende November bis in den Dezember hinein flächendeckend in deutschen Unternehmungen ihr Regime festigen: WEINGESCHENKE. Eine wohlschmeckende Flasche Wein kann ein annehmbares und gefälliges Geschenk sein. Jene Gattung „Geschenke“ jedoch, meist aus den Läden von „Feinkost Albrecht“ und anderen Verbrechern gegen den guten Weingeschmack wie diversen Büroartikelanbietern (deren Weinkompetenz ja unbestritten ist), treibt den meisten Beschenkten die Zornesröte ins Gesicht (was vom Schenkenden meist als Verlegenheit hinsichtlich der gezeigten gottähnlichen Güte bei der Geschenkauswahl missgedeutet wird) und lässt sie zumeist nur noch ein gepresst gestammeltes „NdanKE“ herausbringen. Meine Damen und Herren, dies ist mit ein Grund, warum ich nicht die Laufbahn eines Allgemeinmediziners mit eigener Praxis eingeschlagen habe. Glücklicheren Flaschen, denen der Gang in die ewigen Weihnachtsmarktjagdgründe oder das Schicksal als vergessenes Geschenk in einem Regal ganz hinten im Keller zu enden, erspart geblieben ist, ist aber noch lange kein Happy End garantiert. Die nächste Ungeheuerlichkeit, die ich ansprechen möchte, sind die FEIERTAGSAKTIONSWEINE. So manch bescheidene Traube aus Spanien, Frankreich oder Italien findet sich damit ab, dass sie nicht wirklich Ambitionen haben kann. Sie ist schon damit zufrieden, ein guter VdP, DOC oder IGT zu werden. Zusammen mit ihren anderen Geschwistern schaut sie zwar etwas neidisch auf jene Streber, die als 1er Cru, DOCG oder Supertuscan, Gran Reserva oder ähnlicher Hochkaräter einer glücklichen Reinkarnation entgegensehen; sie steht aber zu dem was sie ist und freut sich Ihres Lebens. Wie groß ist aber das Erstaunen jener Weintraubenseele, wenn sie nach Monaten der Reife und des Schlafens plötzlich die Augen aufmacht – und diesen nicht trauen darf. GRAN RESERVA, die 0,75 l Flasche zu 9,95 €. Greifen Sie zu solange der Vorrat reicht!“Das bin nicht ich“ denkt sie, möchte schreien – doch leider verhallen die Schreie ungehört, da sie von Menschen vernommen werden, die der Weinsprache nur mäßig oder gar nicht mächtig sind und daher den wahren Charakter der in der Flasche befindlichen Seele nicht gewahr werden. Werte Zuhörer, senken Sie mit mir einen Augenblick Ihr Haupt als Zeichen der Stillen Anteilnahme am Schiksal dieser Weintrauben – Vielen Dank. Da ich nun zum Schluß meines Vortrages kommen möchte, hier ein kleines Resumée: Sie sehen, meien Damen und Herren, dass vielen armen, kleinen Weintrauben ein sehr trauriges Schicksal bevorsteht. SIE können dazu beitragen, dass die Anzahl jender bedauernswerten Geschöpfe stetig abnimmt: Verwehren Sie sich gegen den Genuß von Glühwein auf Weihnachtsmärkten. Sie vermeiden damit Grausamkeiten gegen den Wein. Lassen Sie Weingeschenke nicht verstauben. Stiften Sie diese der örtlichen Tafel oder kochen Sie eine Gulaschsuppe daraus, mit der Sie eine spontane Nachbarschaftsparty ins Leben rufen. Die Flasche wird es Ihnen danken. Für die Sadisten unter der Zuhörerschaft: Laden Sie den Schenkenden zu sich ein und kredenzen Sie eben jenes Geschenk. Der Effekt ist oft heilsam, auch wenn es seelische Grausamkeit ist, was Sie begehen. Verzichten Sie auf Feiertags-Aktions-Super-Duper-Edelweine vom Discounter. Gehen Sie zu einem Weinhändler in der Nähe und lassen sich einen ordentlichen VdP oder sonstigen Tafelwein präsentieren. Die Trauben werden Ihnen danken, dass sie sich nicht verstellen und selbst verleugnen müssen und werden Sie aus dem Glas anlächeln. Damit möchte ich zum Schluß kommen. Ich hoffe, Ihnen hat mein Vortrag gefallen. Nach so viel Negativem möchte ich Ihnen aber noch ein paar erfreuliche Schicksale vorstellen. Es handelt sich um jene Trauben im For unto us a child was born 2008 Pinot Noir Jürgen von der Mark Was der Master of Wine aus dem badischen Bad Bellingen mit dem Wein auf die Beine gestellt hat, macht die darin vinifizierten Trauben wirklich glücklich. Wunderbares Rubin mit einem leichten Wasserrand, in der Nase rote Beeren im Hintergrund, eine gewisse Heidenote, Kirsche – einfach ein Gedicht das den Vergleich mit Pinots französischer Herkunft nicht zu scheuen braucht, ganz im Gegenteil. Im Mund viel Kraft, die aber schnell der Frucht die Bühne frei macht und bis zum letzten Moment aber noch präsent bleibt. Kein easy drinking, aber ein Wein dem Weihnachtsfest und der besinnlichen Zeit des Advents angemessen, und der mit seinem Name dem Stück aus Händels „Messias“ entspricht: Jede Menge Kraft gepaart mit einer wärmenden Harmonie und Eleganz. Einfach eine runde Sache, die die 28,- €, die der WmV aufruft, wert ist. In diesem Sinne „Ein Herz für Weintrauben“... |
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![]() Mitglied seit 17.01.2002 |
Sehr verehrter Herr Professor M.,
ich schätze mich glücklich, dass wir Sie nicht zuletzt durch die beharrliche Intervention des von uns allen sehr geschätzten Herrn jambala als Gastredner, also ich meine als Gasttürchenöffner für unseren diesjährigen Weinadventskalender gewinnen konnten. Gerade die nüchterne wissenschaftliche Sicht eines so profunden Kenners der Szene, wie Sie es sind, ist in diesen gefühlsüberbordenden Zeiten nötiger denn je. Und dann verfügen Sie wie kaum ein anderer über die Gabe, komplexe Zusammenhänge in leicht fassliche Begrifflichkeiten zu kleiden, begleitet von den Praxiseinheiten am lebenden Rebstock, also ich meine im Glas. Wichtig ist auf'm Platz, also ich meine im Glas! Und dass auch Sie das Gefühl nicht außer acht lassen beweist Ihre nicht nur in der Fachwelt anerkannte Aktion "Ein Herz für Weintrauben!" Ich versichere Ihnen, wir alle hier, inklusive der Mitglieder Otti und Léo stehen fest an Ihrer Seite und unterstützen Ihre Arbeit. Ganz ergebenen Dank und mit besten Grüßen für Leben und Werk Ihre susa ________________________________________________________________________ De toutes les qualités du cuisinier, la plus indispensable est l'exactitude. Jean Anthelme Brillat-Savarin |
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![]() Mitglied seit 17.05.2009 |
Dezenter Humor, schön vorgetragen, die Traditionen durch Ignorieren hervorhebend.
Professor, ich überlege gerade: Ein wenig gezuckerter, fein gewürzter Glühwein, Gran Reserva, aus Erdbeeren, unbeobachtet zu Hause gepichelt - das müsste den unschuldigen Trauben und gleichermaßen feiner Lebensart doch gerecht werden? fragt Faber |
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![]() Mitglied seit 29.11.2006 |
Hallo Jambala,
das Türchen hat mir heute eindeutig den Tag gerettet! Danke dafür, zumal ich aktuell weder Glühwein, noch Aktionswein noch Geschenkwein noch sonstigen Wein zu mir nehme, sondern mich und die Familie mit Antibiotika, Hustensaft, Inhalierungen und ähnlichem versorge. Viele Grüße aus dem Lazarett, Markus |
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![]() Mitglied seit 17.01.2002 |
*hatschiiiii*
dann man gute Besserung, unterm Lichterbaume mit Wick Vaporub das wär's noch, sieh zu, dass Ihr den Virus bald wieder loswerdet. Wir haben's auch gerade hinter uns lieben Gruß susa ________________________________________________________________________ De toutes les qualités du cuisinier, la plus indispensable est l'exactitude. Jean Anthelme Brillat-Savarin |
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![]() Mitglied seit 10.06.2006 |
Also Susa,
dieses Mal hast Du ja wirklich keinerlei Kosten und Mühen gescheut. Sogar Professor Dr. M konntest Du gewinnen; Respekt!!! Hat sich gelohnt. Wobei das zitierte „es gibt auch guten“ eindeutig Hörensagen ist. Ganz eindeutig. Übrigens, denkt dran: in zwei Monaten ist Valentinstag Gruß Gottfried _____________________________________________________________ "Eine neue Idee verdient Schutz bis sie tatsächlich weit genug ist, überprüft werden zu können.“ |
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![]() Mitglied seit 12.09.2004 |
Moin!
Hilfe, ich bekomme ein schlechtes Gewissen, ich mag Glühwein! Allerdings denke ich bei dessen Genuss einfach an ein Heißgetränk, nicht an den Namensgeber desselben (also den Wein). Insofern müsste man auch so manche Kaffeebohne bemitleiden die ihr irdisches Dasein in einem PAD aushaucht und als Namensgeber für eine braune Tunke herhalten muss die mit Kaffee soviel gemein hat wie der Glühwein mit.. Wein! Ein wirklich schönes Türchen ganz nach meinem Geschmack!!! Vielen Dank dafür. Gruß, Nick ![]()
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![]() Mitglied seit 23.11.2007 |
..was man aus berufenem Munde nicht doch immer wieder neue 'Einblicke' erfahren darf, wobei bezüglich eines bestimmten Händlers auch auf das gute deutsche Liedgut zurück gegriffen werden kann, seinerzeit intoniert von Rudolf Schock (wer ihn nicht mehr kennen sollte - der Name ist KEIN Programm '..Ja, Ja der Aldi Wein... ..der lädt uns Alle ein...' Gruß pp |
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![]() Mitglied seit 19.02.2006 |
Moin!
Um nochmal ganz kurz eine Lanze für 'es gibt auch guten' Glühwein zu brechen: Natürlich gibts auch guten! Klar, man muss das Zeug grundsätzlich mal mögen - zumindest nicht hassen. Dann nehme man einen 'echten' Wein, versenke kleine Säckchen mit Gewürzen der Wahl darin (welche das im einzelnen sind, weiß ich jetzt auch nicht So können auch die Trauben noch zufrieden sein und lächeln! Dass das mit dem 'gemeinen, entfernt an Wein erinnernden, pappig-süßen Heißgetränk' auf Weihnachtsmärkten landauf, landab nix, aber auch gar nix zu tun hat, darüber sind wir uns einig. Schöne Grüße Monti |
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![]() Mitglied seit 10.06.2006 |
Moin Monti,
im Prinzip stimme ich ja, was die Eigenherstellung betrifft zu; als einzigste aller Ausnahmen. Aaaber, vor die Wahl gestellt entscheide ich mich dann doch lieber für einen richtigen Wein, oder wenn es wirklich warmer Alkohol sein muss, dann schon richtig romantisch. Feuerzangenbowle also. Viel Spaß auf dem Weihnachtsmarkt! Gruß Gottfried _____________________________________________________________ "Eine neue Idee verdient Schutz bis sie tatsächlich weit genug ist, überprüft werden zu können.“ |
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![]() Mitglied seit 19.02.2006 |
Danke Gottfried!
Feuerzangenbowle kann auch fein sein, richtig. Und ich ziehe 'richtigen' Wein natürlich auch vor. Mal schaun, wie der Glühwein in der Stadt der Romantik (in der sommers den kleinen Grenaches schonmal von allein die Korken aus den Flaschen wandern Schöne Grüße Monti |
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Henglein
Rama Cremefine





























