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Adventskalender Weinforum, Türchen Nr 11, 8.12.2010

Vom 08.12.2010 06:55 Diesen Beitrag drucken PDF Auf diesen Beitrag antworten zum Anfang der Seite scrollen zum Ende der Seite springen Einen Beitrag nach oben springen Einen Beitrag nach unten springen

Cantate Hendlgriller


Mitglied seit 19.09.2007
1.695 Beiträge (ø0,99/Tag)
Was macht für euch die Vorweihnachtszeit aus?
So fragte Susa als übergeordnetes Thema für dieses Jahr.

Welche Vorweihnachtszeit denn?
Ab August die mit den ersten Lebkuchen in den Geschäften?
Die, welche spätestens im September beginnt, wenn die ersten Stücke fürs Adventskonzert ausgesucht und angespielt werden?
Ab Oktober dann, wenn die kleinen Trompeten- und Posaunenschüler mit den entsprechenden Liedern anfangen müssen, damit bis zum Fest alles klappt?
Im November dann Stollen- und Plätzchenbacken?
Oder am Vortag des 1. Advent Haus schmücken?
Der Dezember schließlich ist so mit Auftritten, Terminen und Veranstaltungen vollgepackt, diese besinnliche Zeit der Hektik kann Susa kaum gemeint haben..


Ein zweiter Punkt war " Welche Traditionen habt ihr?".
Traditionen im Advent oder an Weihnachten
Nun sind ja die Traditionen am tiefsten verankert, bei denen man garnicht mehr registriert, dass man sie überhaupt hat. Wenn dich dein Unterbewusstsein mit einem gekonnten linken Haken elegant auf die Bretter schickt, noch bevor du gemerkt hast, dass es überhaupt arbeitet.



Die Heiligabend- (paradox)Vormittage meiner Kindheit waren pure Hektik.
Die letzten Einkäufe, was haben wir vergessen? "Du musst noch schnell..."
(zu dieser antiquierten Zeit schlossen die Läden an Heiligabend schon mittags um halb eins! kaum zu glauben)
Vater verkeilte den Baum in einer Wohnzimmerecke, wo er nie richtig passte, das Schmücken war Kindersache, was regelmäßig in Kompetenzstreit ausartete. Mutter versank in der Küche in den Vorbereitungen fürs abendliche Menü, was reichliche Anweisungen an den Rest der Familie *hol mir mal schnell das....!" beinhaltete, von Katastrophen wie angebrannter Suppe oder überkochender Milch ganz zu schweigen.

Doch irgendwann war es Spätnachmittag und eine neue Arbeit anzufangen lohnte nicht vor dem Kirchgang. Ein kurzes Verschnaufen, ein Innehalten.
Die Eltern legten im Wohnzimmer nochmal die Füße hoch.
Ich nutzte das regelmäßig zum Instrumentputzen, schließlich sollte das gute Teil abends in der Kirche beim Kerzenschein schön glänzen und nach den Beanspruchungen der Adventszeit mit vielen Auftritten, z.T. im Regen, hatte es das auch dringend nötig.
Zur Erklärung:
Zu Zeiten als ich anfing mit Musik, gab es noch keinen modernen Schnickschnack. Unsre Instrumente waren aus solidem, unlackiertem Messingblech, was bedeutete: im täglichen Gebrauch liefen sie an, jeder Finger hinterließ einen Abdruck und wehe man musste im Regen spielen: jeder Tropfen ein Fleck!
Kein glamour, nur wenig Glanz; und dieser nur mit Muskelschmalz erreichbar, nämlich reichlich Messingpolitur und Arbeit, einmal rundherum gewienert, was genau bis zum nächsten Auftritt reichte.
So saß ich alleine in der Küche mit dem Instrument auf den Knien, einer Flasche Messingpolitur und einem Berg alter Lappen, die Stille nach dem Trubel des Tages, eine fast meditative Tätigkeit, eher wie ein Streicheln, ein Versinken, ein Konzentrieren auf das was gespielt werden würde, ein Ritual, das mich zur Ruhe brachte und auf seine Weise einstimmte, die Vorfreude auf die Christmette, auf die altbekannte Geschichte, die Lieder, den Kerzenschein.

Jahre gingen ins Land und irgendwann war das alte Instrument ausgemustert, ich schaffte mir ein modernes Instrument an, natürlich lackiert wie inzwischen Standard, welche Arbeitsersparnis! Makelloser Glanz, egal was vorher passiert war. Ob Regen oder Fettfinger - nur einmal trocken überwischen und fertig.

Noch mehr Jahre später gab ich Unterricht im Erlernen von Messinginstrumenten.
Die Oma eines meiner Schüler starb und beim Haus-ausräumen fand sich auf dem Dachboden eine uralte Posaune, noch aus Vorkriegszeiten. Verknittert, die Züge festgebacken, das Messing blind, dunkelbraun angelaufen, wahrlich kein Schmuckstück. Niemand wollte das Blech haben und so kam die Posaune schließlich zu mir.
Erstmal unter dem Dreck kucken, was da überhaupt drunter steckt!
Also ab in die Badewanne mit dem Stück, mit viel warmem Wasser und reichlich Spüli, die Innenzüge durchwischen, anschließend dann die Bearbeitung der Außenflächen.
Als ich so vor den Einzelteilen saß und im Schweiße meines Angesichtes schrubbte und wischte, wienerte und polierte, schnupperte ich in der Luft: brennt hier irgendwo eine Kerze? Ein Rundgang durchs Haus blieb ohne Ergebnis. Aber irgendwie riecht es hier nach Weihnachten!
Ich habe nichts mit Zimt gekocht, keine Plätzchen gebacken, keine Mandarinen offen herumstehen, erst recht kein Tannengrün in der Wohnung. Es ist gerade mal Frühherbst, woher kann dieser Weihnachtsduft kommen? Noch zwei Rundgänge brachten keine Erkenntnis, wieso riecht es jetzt auf einmal nach Weihnachten?
Ihr werdet es schon ahnen: mein Hinterhirn hatte über Jahrzehnte die Verknüpfung Messingpolitur=Weihnachten gespeichert und zuverlässig wieder heraus gekramt ohne den lästigen Umweg über das Bewusstsein zu nehmen.

Wenn ich heute Liedertexte wie *Weihnachtsduft in jedem Raum* höre, muss ich immer noch innerlich schmunzeln; die meisten Leute werden damit Tannengrün, Zimt und Kerzenduft verbinden, aber wohl kaum einer den Geruch von Messingpolitur.

Wie kriege ich jetzt die Kurve zum Wein?
Kein Problem!
Es muss ein Wein sein der vertraut ist, der nach *kenn ich* schmeckt. Wie ein Kollege mal sagte: *Schmeckt wie heimkommen*
Das ist für mich der Riesling des oberen Rheingaus und da am liebsten Spätles trocken.
Ich würde nie wagen zu behaupten, den erkenn ich überall wieder, dazu gibt es zuviele Fallen, aber der schmeckt vertraut, einfach *zu Hause*.
Ich bin nicht gut genug, um die einzelnen Lagen oder Winzer am Geschmack erkennen zu können, auch wenn ich im direkten Vergleich gewaltige Unterschiede schmecken kann.
Exemplarisch also eine

Erbacher Michelmark
2009
alte Reben
Riesling Spätlese trocken
Weingut Heinz Lebert
Erbach Rheingau

Der Wein wie der Winzer wie ein altes Instrument: kein Glamour, kein Schnickschnack, kein modernes Getue. Stattdessen grundsolides Handwerk seit Jahrzehnten, sauber, ehrlich, geradlinig, ein Winzer, der jeden seiner Weinstöcke persönlich mit Lebensgeschichte kennt -altmodisch im allerbesten Sinne des Wortes - eben wie ein gewachsenes ZUHAUSE mit vielen Lieblingsstücken voller Erinnerungen. Ein Wein, der in jedem neuen Jahrgang wieder wie ein alter Freund daherkommt, zwar verändert, aber wieder erkennbar und vertraut.

Auch Weihnachten ist jedes Jahr dasselbe und trotzdem freut man sich immer wieder darauf.

In diesem Sinne wünsch ich euch täglich ein kleines Minütchen mit (symbolischer) Messingpolitur, ein Innehalten und zur Ruhe kommen!
Und natürlich einen guten Wein wie ein alter Freund!
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Vom 08.12.2010 07:00 Diesen Beitrag drucken PDF Auf diesen Beitrag antworten zum Anfang der Seite scrollen zum Ende der Seite springen Einen Beitrag nach oben springen Einen Beitrag nach unten springen

girlfriend-in-a-coma  Hendlgriller


Mitglied seit 28.10.2004
1.102 Beiträge (ø0,4/Tag)
Schööööööööööööööööön!


lg
girlfriend
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Das Alter hat auch gesundheitliche Vorteile: zum Beispiel verschüttet man ziemlich viel von dem Alkohol, den man trinken möchte.
André Gide


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Vom 08.12.2010 08:45 Diesen Beitrag drucken PDF Auf diesen Beitrag antworten zum Anfang der Seite scrollen zum Ende der Seite springen Einen Beitrag nach oben springen Einen Beitrag nach unten springen

theater69 Suppenkoch


Mitglied seit 09.08.2005
789 Beiträge (ø0,32/Tag)
Cantate, vielen Dank für dieses genial polierte Türchen.

Das Thema Instrumentenputzen kenne ich auch noch aus eigener Erfahrung bis ich mir eine eigene Tröte, lackiert, angeschafft hatte. Bis dahin wurde zu Weihnachten von unserem Chorleiter sogar noch kontrolliert ob das Instrument für's Weihnachtskonzert auch geputzt war. Lang lang ist's her ... Hachja ...

Wehmütige LG
theater

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Wer abnehmen will, muß Kalorien streichen. Am besten auf ein Croissant
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Vom 08.12.2010 08:51 Diesen Beitrag drucken PDF Auf diesen Beitrag antworten zum Anfang der Seite scrollen zum Ende der Seite springen Einen Beitrag nach oben springen Einen Beitrag nach unten springen

Montsant Hendlgriller


Mitglied seit 19.02.2006
2.216 Beiträge (ø0,97/Tag)
Sehr schöne Geschichte, Cantate, danke!

Ich denke auch, dass man die unterbewussten Einflüsse unseres Geruchssinns oft unterschätzt. Schön, dass Du uns daran erinnerst. Düfte und Gerüche sind ganz wichtige Wohlfühlfaktoren!


Schöne Grüße
Monti OH TANNE...
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Vom 08.12.2010 11:23 Diesen Beitrag drucken PDF Auf diesen Beitrag antworten zum Anfang der Seite scrollen zum Ende der Seite springen Einen Beitrag nach oben springen Einen Beitrag nach unten springen

Jean07 Küchenjunge


Mitglied seit 27.06.2007
154 Beiträge (ø0,09/Tag)
Hallo Cantate,

ein wunderbarer Denkanstoss, mal darüber nachzudenken, was das für Geruch bei mir sein könnte ....
Dieses ganz spezielle "Weihnachtsgefühl" vermisse ich nämlich seit ein paar Jahren!

LG Jean
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Vom 08.12.2010 13:07 Diesen Beitrag drucken PDF Auf diesen Beitrag antworten zum Anfang der Seite scrollen zum Ende der Seite springen Einen Beitrag nach oben springen Einen Beitrag nach unten springen

susa_  Sternekoch


Mitglied seit 17.01.2002
45.635 Beiträge (ø12,07/Tag)
Ich kenn das Türchen ja schon seit gestern abend und ich hab mich drauf gefreut, es heute hier online zu sehen. Cantate schickt mir ihr Türchen immer einen Tag vorher, um allen Unbilden von Telekommunikation und Computertechnik ein Schnäppchen zuvorzukommen, falls sie also bis 09:00 Uhr nicht online sei, dann solle ich doch bitte ...... Na! bisher ist es noch nie nötig gewesen. Auch schon so eine kleine Tradition.

Und wieder eine wunderschöne Vorweihnachtsgeschichte über das "nach Hause kommen", ganz vielen Dank dafür.

lg
susa



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Moi, je n’ai pas de message. (Zinedine Zidane)
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Vom 08.12.2010 13:33 Diesen Beitrag drucken PDF Auf diesen Beitrag antworten zum Anfang der Seite scrollen zum Ende der Seite springen Einen Beitrag nach oben springen Einen Beitrag nach unten springen

peterpanik Hendlgriller


Mitglied seit 23.11.2007
15.433 Beiträge (ø9,38/Tag)
...wenn ich so darüber nachdenke, wozu ich dank dieses Türchens angestubst wurde, dann ist eigentlich Weihnachten die einzige "Duftzeit" des Jahres, die man so eindeutig zuordnen kann...

..danke für den Anstubser und das Türchen... Küsschen

Gruß pp OH TANNE...
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Vom 08.12.2010 14:20 Diesen Beitrag drucken PDF Auf diesen Beitrag antworten zum Anfang der Seite scrollen zum Ende der Seite springen Einen Beitrag nach oben springen Einen Beitrag nach unten springen

grappola Chefkoch


Mitglied seit 17.01.2002
7.562 Beiträge (ø2/Tag)
Mein Weihnachtsduft sind Jaffa Orangen. Die gab es als ich Kind war nur an Weihnachten, da wurde irgendwo eine Kiste bestellt und die ganze Familie (im Haus wohnten auch Onkel,Tante und Cousine)zelebrierten den Verzehr. Dabei waren wir immer auf die Kinder, wie wir die inneren kleinen Stückchen nannten, besonders aus. Das zweite Besondere war eine große Blechkiste mit gemischten Lebkuchen aus Nürnberg, die beim Öffnen den unverkennbaren Weihnachtsduft abgaben. Damals war das, kurz nach dem Krieg, noch sehr besonders!

Danke Cantate für die Erinnerungen.
Gruß grappola
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Vom 08.12.2010 21:04 Diesen Beitrag drucken PDF Auf diesen Beitrag antworten zum Anfang der Seite scrollen zum Ende der Seite springen Einen Beitrag nach oben springen Einen Beitrag nach unten springen

gerwolf Chefkoch


Mitglied seit 11.10.2006
4.255 Beiträge (ø2,07/Tag)
Weihnachtsduft, das waren Hildabrötchen, Linzertorte, Vanillegipferl..............................

oder das polierte Cantatemessingadventstürchen meint
Otti

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Vom 08.12.2010 22:45 Diesen Beitrag drucken PDF Auf diesen Beitrag antworten zum Anfang der Seite scrollen zum Ende der Seite springen Einen Beitrag nach oben springen Einen Beitrag nach unten springen

gottfriedstutz  Suppenkoch


Mitglied seit 10.06.2006
1.502 Beiträge (ø0,69/Tag)
User hat eigene Rezeptsammlungen veröffentlicht
„Welche Traditionen habt ihr?“

Also bei mir ist seit ein paar Jahren das Lesen des Weinadventskalenders dazu gekommen.

Auch heute konnte ich wieder mit großem Vergnügen ein Türchen öffnen.

Küsschen

Gottfried


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"Denken ist die Arbeit des Intellekts, träumen sein Vergnügen.“ (Victor Hugo)
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Vom 09.12.2010 23:37 Diesen Beitrag drucken PDF Auf diesen Beitrag antworten zum Anfang der Seite scrollen zum Ende der Seite springen Einen Beitrag nach oben springen Einen Beitrag nach unten springen

dressing  Suppenkoch


Mitglied seit 29.12.2004
1.771 Beiträge (ø0,65/Tag)
"Also bei mir ist seit ein paar Jahren das Lesen des Weinadventskalenders dazu gekommen."

Bei mir auch OH TANNE...

Und der Duft von verbrannter Gänsehaut, wenn die letzten Gänsekiele "ausgemerzt" werden sollten. Na!


Viele Grüße aus Berlin
Christel



Wein ist die Nachtigall unter den Getränken.
- Voltaire -
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