Wein-Adventskalender 2009: Türchen 8
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![]() Mitglied seit 29.11.2006 |
Leider ist die Adventszeit im Hause Marwe meist bis zum Platzen ausgefüllt mit Basteln für Großeltern, Patentaten, Patenonkel oder Kindergarten, einem unendlichen Strom an Plätzchen und Pralinen, die gebacken, geformt, geknetet und gefüllt werden wollen, Weihnachtsessen von aktuellen, ehemaligen oder zukünftigen Abteilungen und gelegentlichen Adventsfrühstücken, Adventskaffeetrinken und Adventsabendessen (vom Aussuchen, Besorgen und Einpacken der Geschenke gar nicht zu reden!) – und doch bleibt gelegentlich abends ein klein wenig Zeit, um über die wirklich wichtigen Fragen des Lebens (neben der aus Türchen 4) in Ruhe und Besinnung nachzudenken. Einer dieser wirklich wichtigen Fragen muss ich mich regelmäßig stellen, wenn meine Verwandtschaft anreist, was wegen der großen Entfernung nur einige Male im Jahr geschieht, gelegentlich auch zur Vorweihnachtszeit. Um dem darbenden Jungen in dem genussfeindlichen Moloch einigermaßen über die Runden zu helfen, werden 60-80 handgeformte und vortrefflich gefüllte Maultaschen in die Kühltasche gepackt, dazu ein paar Flaschen Gutedel (auch im Winter) und dann geht’s ab aus dem arkadischen Südschwaben ins darbende Preußen. Die Maultaschen überleben den ersten Abend nicht, da auch die nachwachsenden Marwe-Editionen Mahlzeiten, die nicht aus Currywurst, Buletten oder Döner bestehen, mit großem Genuss verspeisen. Der mitgebrachte Wein meist das Schicksal der Maultaschen; und so stellt im Allgemeinen mein Bruder im Verlaufe des Abends die Frage – eigentlich handelt es sich um einen Befehl: „Markus, mach‘ doch mal einen richtig guten Wein auf!“ Und prompt stecke ich mittendrin am Abwägen, Prüfen, Verstärken und Verwerfen der eigenen Überzeugungen. Was bedeutet eigentlich „guter Wein“? Früher war die Frage einfach zu beantworten: guter Wein war billig und verursachte keine Kopfschmerzen. Schmeckte er zudem, erhielt er das Prädikat „sehr guter Wein“. Leber, Gaumen und Kopf sind im Laufe der Weintrinkerkarriere anspruchsvoller geworden, und wenn ich schon gebeten werde, einen guten Wein aufzumachen, will ich den Ansprüchen voll und ganz genügen. Mit diesen Hintergedanken gehe ich den Weinkeller durch: die Wahl der Farbe ist einfach - nach einigen Flaschen Gutedel muss es Rot sein. Deutschland verwerfe ich, da meine Familie deutsche Weine nur als Dornfelder und halbtrockenen Spätburgunder kennt und daher ablehnt. Missionarisch will ich nicht tätig sein, was die Auswahl leider schon wieder einschränkt. Die Italien-Abteilung besteht aus einigen Nero d’Avola (zu lakritzig), einigen Barolos/Baroli/Barolo (zu jung, zu hastig in den Tanninen) und einer Flasche Amarone, aber dann muss ich die Bande einzeln ins Bett tragen. Österreich: zurzeit leider schlecht bestückt. Südfrankreich passt eigentlich immer, aber das ist mir dann doch zu beliebig. Hilfe! Was ist denn ein guter Wein? Zudem ist der Schwabe anspruchsvoll: „net g‘schimpft isch g‘lobt g‘nug“ – und da nach der Devise einmal ein von mir zubereitetes Iberico-Carree mit gebratenen Bergpfirsichen als „durchaus essbar, wenn der Hunger groß genug ist“ beurteilt wurde, muss ich mit besonderer Umsicht handeln. Im untersten Regal fällt mir endlich eine Flasche in die Hand, die ich nach langem Abwägen nach oben trage. Der Wein ist ausgewogen, hat Kraft, Frucht, Struktur und ist dabei typisch für die Region. Und um den Bogen zum Advent zu schlagen: bei intensivem Nasenkontakt sind weihnachtliche Gewürze im Überfluss zu schnuppern. Und zur Gans passt er vortrefflich, womit eine der weiteren wirklich wichtigen Fragen, die in der Adventszeit besinnlich bedacht werden, geklärt ist. Es handelt sich um 1999 Zinfandel Lytton Springs Ridge Vineyards Kalifornien Aber ist das, was ich an einem guten Wein schätze, auch für andere relevant? Ich schaue meinen Bruder an: „Und?“ Er nimmt einen großen Schluck: „Knallt ordentlich. Guter Wein.“ Na, geht doch. Euch allen wünsche ich immer einen guten Wein im Advent! |
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![]() Mitglied seit 17.01.2002 |
Moin Markus
Du schreibst mir ja sowas von aus der Seele, das Thema "welcher Wein zu welchen Menschen" ist eines, das auch bei uns immer wieder für lange Diskussionen sorgt. Und am Ende? - "passt scho!" ________________________________________________________________________ Dem Produkt biochemischer Prozesse, bei dem aus der Vitis vinefera Glykose und Kohlehydrate zu Ethanol abgebaut werden, wohnt Übereinstimmungs- bzw. Angleichungsbeziehung zwischen dem Wissen eines erkennenden Subjekts und dem Seienden inne. |
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![]() Mitglied seit 09.08.2005 |
Moin,
bin ich froh, daß es anderen auch so geht. Es ist auch für mich immer schwierig, den passenden Wein zum Konsumenten auszusuchen. Weiß und rot kann ich ja noch nachfragen, aber dann geht's los. Wenn ich Pech habe, kommt der Kommentar "Haste nich noch was anderes, der ist mir zu sauer", aber Perlen vor die Säue will ich auch nicht werfen. Ein schönes Adventstürchen, vielen Dank dafür! LG theater ___________________________________________ Eingeladen macht nicht dick (L.B.) |
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![]() Mitglied seit 11.10.2006 |
@Markus
Markus, Du stellst die Schwobe ja vor schwierige Aufgaben. Iberico-Carrée mit gebratenen Bergpfirsichen. Muß mers esse un trinke ka mers esse un trinke sott mers esse un trinke i dät scho, aber i kenns gar net................................. Gestern kam in der Landesschau 18°°45 in SWF3 ein Beitrag zu Reben im Ländle im Klimawandel, Trollinger, 1.Trollinger-Cocktail-Contest . Als Gast Gerhard Aldinger. Hat mir gut gefallen. Platz 1. im Trollinger-Cocktail-Contest mit Preisgeld 3000€ der Herbal Expirience nix für ungut als Begleitmusik stellte ich mir noch die Jimi-Trolli-Expirience vor Grüße Gerwolf ich stell mal den Link ein.Wenn´s nicht sein darf löschen. Das Video ist unter SWF3 , 8,12,2009 zu ergoogeln |
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![]() Mitglied seit 11.10.2006 |
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![]() Mitglied seit 23.11.2007 |
Danke Markus,
tja, der Moloch mit seinen Versuchungen, aber ich habe das Glück, das 50% meiner Bekannten mit denen ich gelegentlich den Tisch teile, noch weniger Ahnung von Wein haben als ich und bei den anderen 50% hilft ein locker hingeworfenes: '..was könnte dazu wohl gut passen..' ..natürlich mit der begleitenden Mimik, welche unterschwellig kundtut, dass man es ja schon festgelegt hat... ..und wenn es 'knallt' ist es immer schön, aber möchte nicht vorgreifen... Gruß pp |
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![]() Mitglied seit 10.06.2006 |
Mein lieber Markus,
Du traust dich was! Da hast Du ja eine ganze Palette an Themen aufgegriffen, deren Grundmelodie mir recht vertraut vorkommt. Koi Wonder, ist je ein recht vertrautes Idiom. Schöner Text! Besonders vertraut ist mir die Stelle „Deutschland verwerf ich“, wenn auch mit anderer Begründung (gilt entweder als zu sauer oder ist nur als pfurztrockener Württemberger akzeptabel). Wobei ich beim „nicht missionieren wollen“, meine Zweifel habe; sonst hättest Du das Iberico-Carree von vorneherein alleine gegessen. Aber wir sind ja leidensfähig, besonders in der Vorrunde. Gruß Gottfried _____________________________________________________________ "Satire die der Zensor versteht, wird mit Recht verboten." Karl Kraus |
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![]() Mitglied seit 12.09.2004 |
Moin!
Wär ein Projekt: nachdem vor Jahren mal ein Büchlein " Welcher Wein zu welcher Frau" erschien, nun eines "Welcher Wein zu welchem Gast(typus)". Das erstgenannte B. war sicher voller Plattitüden, aber deshalb nicht unbedingt humorfrei, meiner Meinung nach. Der ironische Grundton des Beitrags von Marwe71 ließe auf lesenswerte Lektüre hoffen... Gruß, Nick ---- |
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![]() Mitglied seit 29.11.2006 |
Hallo,
bei der Geschichte musste ich auch schmunzeln. Ich "freue" mich schon auf die Feiertage. Einer mag keine trockenen Weine, ein Anderer nur Rosé, Barrique geht gar nicht. "Nimm nicht so einen Teuren". Nee, denke ich mir, keine Perlen vor die Säue. Hab ich nicht. Pech gehabt. Wasser ist auch lecker. LG Hubert "Rotwein ist für alte Knaben eine von den besten Gaben" Wilhelm Busch
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![]() Mitglied seit 28.10.2004 |
Eine schöne Schmunzelgeschichte, lieber Markus. Sehr sehr aus dem Leben gegriffen.
Danke für dieses schöne Türchen! Für mich als gebürtiges Nordlicht mit einstmals gelerntem "perfekten Hochdeutsch" sind vor allem die Idiome in den verschiedenen Türchen immer wieder köstlich! lg girlfriend ___________________________________________________________ Die Sanitäter haben mir sofort eine Invasion gelegt. (Fritz Walter) |
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![]() Mitglied seit 14.05.2004 |
Schließe mich an und kann mir den Verwandtschaftsbesuch lebhaft vorstellen. Ein Quentchen Lakonie muß der Schwabe im Exil schon haben. Wobei er sich mit obigem Motto der preußischen Seele doch durchaus annähert. LG Clarissa |
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![]() Mitglied seit 29.12.2004 |
Da hast du völlig recht, Clarissa. Auf berlinisch hieße das dann: "Wenn ick nüscht saje schmeckt's."
Markus, danke für das schöne Türchen, so mitten aus'm Leben. Man sieht ganz tröstlich, mit diesem "Problem" ist keiner allein. Viele Grüße aus Berlin Christel Wein ist die Nachtigall unter den Getränken. - Voltaire - |
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