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UschiGs Blog

Meine Rezepte

Die verunglückte Motivtorte

21.12.2011 / 17:58

 

Die verunglückte Motivtorte

 

Da möchte ich mal wieder aus meiner frühen Kindheit, die in der Nachkriegszeit durch Hunger und Entbehrungen gezeichnet war, ein Weihnachtsanekdötchen erzählen.

Ich hab ja schon einige Kindheitserlebnisse hier im Adventskalender beschrieben. Gerade an diese Zeit hat man so viele Erinnerungen, weil durch die Armut damals, die Menschen doch sehr zusammenhielten und auch fast alle sehr kreativ waren.

 

Es war die gleiche Weihnacht, die ich  in einer vorhergehenden Weihnachtsgeschichte  beschrieben habe, als meine Mutter mit einer Nachbarin einem Schwarzhändler 1 Sack Kartoffel stibitzte. Stehlen hört sich so schlimm an… 1946 war es ja Mundraub.

Meine Oma war eine fleißige Strickerin und was sie so zusammengestrickt hat, das würde man sogar hier im Freizeitforum noch bewundern. Vor Weihnachten sah man sie nicht mehr ohne Stricknadeln, denn sie hatte viele Aufträge für Weihnachtsgeschenke. Das wurde natürlich nicht mit Geld bezahlt, da konnten wir nicht viel mit machen, sie bekam Naturalien und Lebensmittelmarken. Die andere Oma war sehr dünn und hatte Schatten auf der Lunge. Sie bekam Schwerstarbeiter- Lebensmittelmarken. (Sie ist bei bester Gesundheit aber noch 85 geworden)

Mein Vater war kurz vorher aus der Gefangenschaft gekommen. Es war für meine Familie eine schwere Zeit. Wir hörten, dass mein Vater in französischer Gefangenschaft war. Dann bekamen wir von einem Mitgefangenen die Nachricht, dass er geflüchtet ist. Es dauerte Monate , kein Lebenszeichen…. Meine Mutter und meine Oma weinten so oft. Ich konnte es nicht verstehen..für mich war klar, Papa kommt bald.

Mitte November, wir waren schon alle schlafen gegangen, hörte ich einen ganz vertrauten und bekannten Pfiff. Es war mein Papa ! Ich musste meine Mutter, mit der ich im Bett Löffelchen lag, erst anständig vors Schienbein treten und schrie, der Papa kommt.. Sie wurde wach und meinte, dass ich geträumt habe. Ein Klopfen am Fenster und wieder der Pfiff. Meine Mutter war wie starr, meine beiden Omas, die es nun auch mitgekriegt haben, schrien wild durcheinander. Mein Bruder beruhigte sie etwas und Opa öffnete endlich die Tür.

Da stand er , groß, gutaussehend und fröhlich. So hatte sich das kein Mensch vorstellen können. Das war mein schöner Papa. Abgerissene Kleidung, alter Rucksack..ihm stand das einfach alles so gut…er war da.

Er ist aus der Gefangenschaft irgendwo in Lothringen ausgebrochen. Er ist ja auch dort geboren und da kamen ihm einige Ortskenntnisse doch sehr zugute. Er ist zu Fuß, von Dörfchen zu Dörfchen gelaufen, hat zwischendurch bei Bauern gearbeitet, die so einem abgerissenen "Flüchtling" gerne Arbeit gaben. Er hatte auch einige dauerhaften Freundschaften geknüpft. So kam er bei uns wohlgenährt und zufrieden an. Er hatte aber keine Möglichkeit uns, seiner Familie ein Lebenszeichen zu geben, da er ja auf einer Fahndungsliste stand und er vermutete, dass zuerst die Familie beobachtet wurde. (Wie im Krimi)

Das war nach vielen Jahren wieder eine gemeinsame Weihnacht für meine Eltern.

Nun wurde erstmal Advent genossen. Oma hatte Lebensmittelmarken für Fett. So kamen wir an Butter. Eier bekamen wir von der Nachbarin und meine Mutter hat eine Torte gebacken. Eine Buttercremetorte, die hier mancher Motivtorte Konkurrenz gemacht hätte !

Unser Hund, ein süßer Drahthaarfox, war nicht mehr aus der Küche zu entfernen. Der Duft, der von unserem Küchenherd ausging, war sehr ungewohnt.

Es war der 4. Adventsonntag und alle freuten sich auf eine Buttercremetorte. Ich weiß sowieso nicht, wie meine Mutter in der Zeit so manche leckeren Sachen machte…Marzipankartoffeln aus Kartoffeln..Kaffeekuchen aus Muckefuck mit Pudding gefüllt….Marmelade aus rote Beete und vieles mehr.

Die Krönung sollte die Buttercremetorte werden. Sie hatte die Creme fertig und hat mit etwas Kaffee eine zweite Farbe hingekriegt. Oma hatte noch einen Spritzbeutel und dann gings los. Die Torte war so schön, wenn ich daran zurück denke, so etwas schönes hatte ich noch nie gesehen.

Sie war ziemlich hoch und ganz mit kleinen weißen Flöckchen betüpfelt und mitten drauf, auch in kleine Flöckchen, ein Weihnachtsbaum in bräunlich..die Kaffeefarbe.

Nun musste sie kalt stehen. Im Schlafzimmer war es richtig kalt..Mutti nahm die Torte und ging, sie vorsichtig transportierend, Richtung Schlafzimmer. Natürlich wir alle wie in einer Prozession hinterher. Auch unser Flocki der Hund.

Nun sollte die Torte ja nicht nur kalt stehen, sondern auch hoch, dass keiner dran kam. Also oben auf den Kleiderschrank damit. Papa wollte helfen und mit seinen 1,84 wäre er spielend dran gekommen. Nein, Mutti kann das alleine. Sie musste sich mit ihren 1.62 sehr hoch recken….schob langsam die Torte auf den Schrank….der Teller war wohl zu rutschig oder sonst was…die Torte stürzte..ich sehe es noch vor mir wie in Zeitlupe…dieses Wunderwerk an Schönheit und Genuss fiel Mutti genau in Richtung Gesicht-Hals- Brust.

Wir waren alle wie erstarrt, nur die Strick- Oma nicht. Die nahm vorsichtig die Torte, was davon noch über was und brachte sie wieder in die Küche.

Meine arme Mutter saß auf dem Boden und weinte..sie weinte wirklich vor Enttäuschung, weil sie uns doch so etwas Besonderes machen wollte und das ging total daneben. Sie war voll verschmiert mit Buttercreme.

Das sah natürlich unser Hund. Er drängelte sich vor und schleckte genüsslich mit wedelndem Schwänzchen Muttis Pullover und Hals ab.

Der Hund war wenigstens glücklich.

Als wir wieder in die Küche kamen, hatte meine Oma ein zweites Wunderwerk verbracht. Die Torte war mit einem großen Messer ganz glatt gestrichen worden und sah wunderbar marmoriert und lecker aus.

Unsere Nachkriegsmotivbuttercremtorte war gerettet. Die nahm aber mein Vater, ohne Widerspruch zuzulassen, beförderte er dieses neue Wunderwerk mit einer Leichtigkeit ins Schlafzimmer auf den Kleiderschrank. Sie war nun sicher.

Unseren Kaffeeklatsch mit der Torte werde ich nie vergessen.

 

Nach vielen Jahren hab ich Eltern und Schwiegereltern mal eingeladen und habe versucht, genau diese Torte…in ihrer Originalform ohne Sturz, nachzumachen. Es ist mir gelungen und meine Eltern haben sich so gefreut und wir schwelgten in Erinnerungen.

 

Ich weiß aber nicht, ob sie uns so gut schmeckte wie damals…Es war eben etwas ganz Besonderes in dieser Zeit .

 

Diese Weihnachten 1946 war sehr ereignisreich. Wie wir endlich an den Tannenbaum kamen, was auch sehr schwierig war, und was ich da vom Christkind bekam, das erzähle ich dann im nächsten Jahr.

 

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