Clariszas Blog
Martinsgans

Archiv für November 2009

Wie kommt der Martin zur Gans?

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    Dunkelheit. In der Schule die ersten Laternen basteln, zuhause fertig machen und dann wieder mitbringen. Heulend nach Hause. Die anderen hatten viel schönere, umwerfende Laternen. Mit Vaters Hilfe noch mal ein Anlauf. Nun war auch meine Laterne wunderschön! Abends zum Treffpunkt auf den Vorplatz der Kirche, die Straßen belebt, viele wie ich mit ihren Eltern. Gewusel, Aufregung, Gelächter. Plötzlich ein riesiger Schatten: das Pferd. Hufgeklapper. Ein Reiter mit einem langen, glänzenden Mantel. Die Laternen werden angezündet, bunte lustige Lichter in der Finsternis - es ist aufregend. Eine Laterne fängt an zu brennen! Der Zug formiert sich, meine Eltern quatschen mit den Nachbarn, wir schließen uns an. Die Spannung wächst. Da, dumpfe Paukenschläge und das Flirren der Pikkoloflöten, der Zug setzt sich in Bewegung. Der Wind pfeift, die Laternen tanzen, wir ziehen singend durch den Ort hinaus auf die Felder. Rabimmel, rabammel, rabumm, bumm bumm ... Was sich dann, als der Zug stehenbleibt, abspielt, verstehe ich nicht so ganz, macht aber auch nichts. Ich bin noch immer gebannt durch die Fackeln, das Lichtermeer der bunten Lampions, die Musik und das wunderbare Schauspiel. Sicherlich werde ich später vor Aufregung auch nicht schlafen können. Bevor der Mantel geteilt wird, hebt sich der Schweif: Platschend fallen die Äpfel zu Boden. Nun geht der Zug zurück zur Kirche, dann löst sich alles auf. Die Eltern sind heiter, wir Kinder ziehen in einem kleinen Pulk von Haustür zur Haustür. Stundenlang krähen wir die drei Lieder, die wir einigermaßen auswendig können, und lassen uns unsere Tüten füllen.

    So wars im katholischen Rheinland. Obwohl ich im Religionsunterricht wenig verstand und die Eltern als progressive Achtundsechziger wenig mit Kirche am Hut hatten, war Sankt Martin für mich der Anfang der verheißungsvollen Weihnachtszeit. Sie war jedenfalls nicht mehr weit. Und ich lag gar nicht so falsch. Mit dem zwölften November, dem Tag nach Sankt Martin, beginnt die weihnachtliche Fastenzeit. Etwa vierzig Tage. Das lässt sich leicht merken, denn immer wenn der Karneval sich zeigt, heißt es danach - carne vale! - den Gürtel enger schnallen. Auch am Martinstag, dem 11.11. um 11.11 Uhr. Also wird noch einmal geprasst, geschlemmt, gevöllt. Die Gänse geschlachtet, weil im Winter kein Platz für so viel Federvieh im Stall war. Im Mittelalter musste der Zehnte an diesem Tag an den Grundherrn abgegeben werden, danach waren die Vorratskammern leerer. Schmalhans wurde Küchenmeister. Fastenzeit bis Weihnachten. Martin war ein Ungar und Offizier im römischen Heer, bis er seinen Kameraden verkündete: „Liebe Freunde, töten ist nicht mehr mein Ding". Sprachs und ging nach Frankreich, wo er Geistlicher und Bischof wurde. Jahrhunderte später lagerte im fränkischen Königspalast in Paris in einem kleinen Raum eine kostbare Reliquie, die capa (Mantel) oder capella (Mäntelchen).

   Als Kind versteht man das nicht, doch eines war klar: Immer mehr Lichter erhellen die Finsternis, Laternen, Fackeln, Kerzen, der Weihnachtsbaum. Ein aufregendes Lichtercrescendo. Jedenfalls stimmt die Geschichte mit dem Gänsestall, in dem sich Martin versteckt haben soll, als man ihn zu Bischof erkor, nicht. Es ist eine Legende. Die Gänse werden am letzten Tag vor der Fastenzeit geschlachtet und das ist etwa vierzig Tage vor Weihnachten. Der Tag des heiligen Martin von Tours.

 

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